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Radwanderung
Innsbruck-Venedig

Treviso-Venedig

An der Sile bei Treviso

An der Sile bei Treviso

2009-05-28, Donnerstag
Treviso-Venedig

Heute war der Tag, an dem wir unser Ziel Venedig erreichen wollten. Ein sonniger und warmer Tag schien uns bevorzustehen, denn schon als wir um 08.00 Uhr zum Frühstücken ins Haupthaus gingen war spürbar, dass die Sonne es heute wieder gut meinen würde. Das gebotene Frühstück war für italienische Verhältnisse unerwartet gut. Es gab Brötchen, leckere Croissants, Marmelade, Joghurt, Müsli, Kaffee und Saft, sodass wir den Frühstücksaufenthalt unterwegs wohl ausfallen lassen konnten. Die Ausfahrt aus Treviso gestaltete sich problemlos, da wir nur entlang der alten Stadtbefestigung zum Fluss Sile radeln mussten, an dessen Ufer unsere Route zu Beginn verlief. Die weitere Strecke sollte uns nach Quarto d' Altino führen, von wo aus wir dann die Richtung nach Venedig einschlagen wollten.

Zu Beginn war die Wegführung recht eindeutig, wenn auch Hinweisschilder praktisch nicht vorkamen und wir anhand der Straßenkarte immer wieder neu unseren Standort und die weitere Richtung bestimmen mussten. So war es denn völlig überraschend, als an einer Bahnunterführung in Quarto d' Altino das Radfahrersymbol auf einem nach rechts verweisenden Richtungsschild auftauchte. Auf die abzweigende Straße konnten wir gerade noch einbiegen, den italienischen Text des Schildes jedoch nicht mehr lesen. Allein die Existenz eines Hinweisschilds für eine Radwegverbindung hatte mich schon optimistisch gestimmt, doch dieser Optimismus verflog schon bald. Die Wegedecke war ein staubiger und holpriger Schotterbelag und die Strecke führte hinaus in eine weite und flache einsame Landschaft, aus der nur ganz vereinzelt ein einsames Dach lugte. Nur ein hin und wieder im Südwesten aufsteigendes Flugzeug gab uns das Gefühl nicht ganz außerhalb der Welt zu sein und die Gewissheit, dass Venedig in dieser Richtung zu suchen war.

Der Weg wand sich entlang eines Wasserlaufs mit immer wieder so überraschenden Richtungsänderungen, dass jedes Gefühl für die Fahrtrichtung verloren ging. Mit dem Wissen auf der richtigen Strecke unterwegs zu sein, hätte mir die einsame Route entlang des Gewässerverlaufs wahrscheinlich gefallen, so aber haderte ich mit mir ob der spontanen Entscheidung, in Quarto d' Altino auf diese Strecke abgebogen zu sein und war einer Umkehr nicht abgeneigt. Völlig unerwartet traf die Holperstrecke auf eine asphaltierte Autostraße und wenige Meter weiter fand sich die Trattoria Altino. Damit hatte ich nicht gerechnet, dass uns der holprige, gewundene Weg nach Altino bringen würde.

Richtung Altino

Richtung Altino

So hatten wir völlig überraschend und ungeplant den Endpunkt der historischen Streckenführung der Via Claudia Augusta erreicht, ein Ziel, das wir gar nicht mehr verfolgt hatten, seitdem von der Streckenkennzeichnung zur Via Claudia Augusta nichts mehr zu sehen war. Guter Dinge fuhren wir noch die wenigen Hundert Meter weiter zum Archäologiemuseum, wo wir aber nur kurz die Außenanlagen besichtigten. Anschließend ging es noch einmal in die Trattoria Altino, auf deren schattiger Terrasse wir eine Mittagsrast einlegten.

Nach der Pause radelten wir das kurze Stück Landstraße zu der in Richtung Venedig verlaufenden Hauptstraße Nr. 14. Hier rauschte ein solcher Verkehr mit Pkw und Lkw entlang, dass wir nach einer Möglichkeit suchten, über eine Nebenstraße nach Venedig zu kommen. Nachdem wir aber einmal im Niemandsland gelandet waren und wieder umkehren mussten, nahmen wir den Verkehr in Kauf, statt uns weiter auf Experimente bei der Wegführung einzulassen. Es war eine ziemlich nervenaufreibende Radelei auf dem schmalen Randstreifen der autobahnähnlichen Autostraße und je näher wir dem Flughafen und Mestre kamen desto schlimmer wurde es.

Bei Altino

Bei Altino

Nur die Aussicht, dass wir kein Dutzend Kilometer mehr in diesem Verkehr mithalten mussten, ließ uns die Autostraße entlang weiterradeln. Letzten Endes kamen wir so in kürzester Zeit und, den nervös machenden Autoverkehr ausgenommen, relativ problemlos zur Freiheitsbrücke, der Ponte della Liberta. Die Silhouette von Venedigs Palazzi und Kirchen ragte über das Wasser und es war schon ein toller Moment, das Ziel unserer Radtour jetzt in so greifbarer Nähe vor uns liegen zu sehen.

Der über die Brücke führende Radweg war zwar schmal, aber wenigstens vorhanden. Auf dem letzten Drittel wurde der Weg noch schmaler, zwischen den Hinterradgepäcktaschen und der Leitplanke bzw. Mauerbegrenzung blieben nur wenige Zentimeter. Ein Schild forderte dort auch zum Schieben auf und sollte ich noch einmal auf diesem Weg mit dem Fahrrad nach Venedig kommen, werde ich diese Aufforderung beherzigen. Als nämlich das plötzliche Hupsignal eines Autofahrers auf der Straße neben mir - das im Übrigen gar nicht mir galt - mich erschreckte, verriss ich den Lenker und schrammte mit Knie und Ellenbogen an der Mauer entlang, was einige brennende und blutende Spuren hinterließ. Der Beinahe-Sturz war noch glimpflich verlaufen und kurz darauf rollten wir die Brückenabfahrt hinunter zum Gewühl des Omnibusbahnhofs, wo es mit dem Rad fahren endgültig vorbei war. Es war 15.00 Uhr und wir hatten ab Treviso 58 km zurückgelegt.

Die erst im September 2008 eingeweihte Ponte de la Constituzione, die vierte über den Canale Grande führende Brücke, war die erste Brücke, über die wir in Venedig unsere bepackten Räder schoben. Dass Radler in Venedig ein seltener Anblick sind, zeigten uns die verwunderten und manchmal auch etwas belustigten Blicke, die wir aus der Menschenmenge auf uns zogen. Das scherte uns natürlich wenig, waren wir doch viel zu sehr beschäftigt mit Schauen und Aufpassen, damit niemand in zwei so unerwartete Hindernisse wie es die Räder waren hineinrannte.

Über die Ponte de Libertad nach Venedig

Über die Ponte de Libertad nach Venedig

So schoben wir uns vorbei am Bahnhof St. Lucia, um nach Canareggio zu gelangen, wo sich unser Quartier befand. Die uns übermittelte Wegbeschreibung schien ziemlich präzise, doch die Logik der Zählweise, welches z. B. die dritte oder fünfte Gasse sei in die einzubiegen war, erschloss sich uns nicht. Wir überquerten Brücken, schoben die Räder entlang von Kanälen, bogen in Gassen ein die nicht weiterführten und versuchten es mit der nächsten. Die mit Zeichensprache und Adresszettel an eine italienische Mama gerichtete Frage nach dem Weg führte zu größeren Beratungen und Diskussionen in einer Sechsergruppe - ohne Ergebnis. Erst ein weiterer Diskussionsteilnehmer war sich hinsichtlich der Adresse sicher. Tatsächlich fanden wir nun unsere Gasse und die Nummer des Hauses, aber seit unserer Ankunft am Bahnhof waren mittlerweile auch zwei Stunden vergangen.

Mit dem Rücken zur Hauswand und einen Arm ausgestreckt, konnte die gegenüberliegende Hauswand berührt werden, das Ende der Gasse endete an einem Kanal und die hochragenden Häuser, zwischen die wohl nie ein Sonnenstrahl drang, machten auch nicht den besten Eindruck - alles also keineswegs ungewöhnlich für venezianische Verhältnisse im Abseits des touristischen Zentrums. Als endlich nach mehrmaligem Klopfen geöffnet wurde, gab es beim Anblick unserer Räder erst einmal ungläubiges Kopfschütteln, Grinsen und die Frage, ob wir tatsächlich mit Rädern unterwegs wären. Die Unterbringung unserer Räder machte denn auch einige Probleme, denn diese draußen stehen zu lassen, war unserem Gastgeber wohl allzu risikoreich und wir hätten dabei auch kein gutes Gefühl gehabt. Damit unsere Räder in dem winzigen schmalen Flur Platz fanden, dort war auch die Post-it-Büroeinrichtung, musste erst eine Räumaktion stattfinden, und das war nicht einfach. Wir selbst hatten ein relativ großes Zimmer, Marke Eheschlafzimmer, Schleiflack mit Spiegelschrank im 60er-Jahre-Look. Dort stand noch ein Einzelbett, das zu einem Hochbett aufgestockt werden konnte, womit der Raum dann vier Personen zur Übernachtung dienen konnte. Wir hatten Glück, es war noch keine Hochsaison und wir blieben zu zweit.

In Anbetracht der schwindelerregenden Höhe des venezianischen Preisniveaus war die Unterkunft wahrscheinlich dem Preis angemessen, und was das Frühstück betraf, war Trient nicht besser und in Bassano del Grappa hatte es gar keines gegeben. Gewöhnungsbedürftig war für uns, dass wir bei jedem Gang zum Bad und Haustür das Zimmer durchqueren mussten, das den Gastgebern als Wohnraum und Küche diente. Es war auch unser "Frühstücksraum" und das dabei appetitlichste war die selbst gespülte Tasse, das kochende Wasser und der Pulverkaffee.

Nun, wir hielten uns nicht lange in der Unterkunft auf, sondern brannten natürlich auf ein kühles Getränk, einen ersten Spaziergang und ein Abendessen. Diese Reihenfolge hielten wir auch ein, wobei wir uns mit dem Rundgang auf die nahe Umgebung unseres Quartiers beschränkten und wo wir auch eine angenehme Trattoria fanden. Ein Verdauungsspaziergang im abendlichen Dunkel beschloss unseren Ankunftstag in Venedig.